Lasst mich frei!

Ich bin ein Gefangener!

Seit ich denken kann, hält man mich in diesem dunklen Verlies fest. Gegen meinen Willen bin ich hier. Ich träume fortwährend vom Licht des Tages.

Die Mauern hier unten sind feucht und von einem  grünen Schleier überzogen. Manchmal sehe ich ihn, wenn man mir gestattet, die Fackel entzündet zu lassen. Dann glitzert es an den Steinen und der Schein des Feuers wird vieltausendfach zurückgeworfen. Doch in den Tagen und Wochen, in denen ich in Finsternis liegen muss, die Zeit, in der ich mich ausschließlich auf andere Sinne als das Sehen verlasse, da gleite ich oft mit den Fingerspitzen über die feuchten Granitblöcke, allein schon deshalb, weil es mir die Illusion gibt, etwas Lebendiges zu streicheln.

Kaum kann ich mich erinnern, dass es anders gewesen wäre. Schon kurz, nachdem die Zeit für mich begonnen hatte, stellte man mir nach. Man jagte und verfolgte mich, die Häscher waren überall; sie trieben mich -  je länger die Hatz dauerte, umso unerbittlicher wurde sie. Sie schienen überall und kesselten mich schließlich ein, banden mich und warfen mich in dieses Loch!

Davor waren es immer mehr geworden, die mich hassten und mir nach dem Leben trachteten. Immer neue Schergen, die sich an meine Fersen hefteten. Als sie mich schließlich zur Strecke gebracht hatten, da war ihr größter Wunsch, mich zu töten, meine Existenz aus ihrem Bewusstsein zu tilgen. Doch sie hatten die Macht nicht dazu, in diesem Punkt waren sie alle jämmerliche Versager. Zwar wollten sie mich lynchen, doch ihre Ansprüche hinderten sie daran. Es gab einige wenige, vor denen fürchtete ich nicht nur um meine Freiheit, sondern auch um mein Leben. Aber diese Individuen gab es selten und sie wurden von Jahr zu Jahr weniger. Doch verschwinden sie nie ganz, die Helden, welche die  die Fähigkeit haben, mich zu bezwingen. Und ich lebe in Furcht vor ihnen, bleibe auf der Hut, weiß mich sicher hier drinnen. Hier kommen sie nicht her. Sie meinen, wenn sie mich hier gefangen halten, kann ich keinen Schaden anrichten, sie denken, sie halten mich fest. Doch das stimmt nicht. Nicht ganz. Von Zeit zu Zeit komme ich nämlich heraus aus diesem Loch.

Das Essen ist den Umständen entsprechend, ich bin nicht wählerisch. Ich nehme, was kommt, nur blutig muss es sein. Ich brauche nicht viel zum Überleben, ich bin zäh.

Wenn ich mich schlafend stelle, kann ich die Wächter sehen. Es ist seltsam, dass man wegen eines Gefangenen solch einen Aufwand betreibt. Ich bin der Einzige hier, das weiß ich. Sie haben solch eine Angst vor mir – in gewissen Abständen errichten sie immer neue Mauern um mein Gefängnis herum. Und glauben, sie hätten mich damit bezwungen. Der Kerker wird sicherer, die Mauern dicker, doch sie werden mich nicht daran hindern, zu verschiedenen Zeiten den Ausbruch zu wagen.

Die Wachposten kenne ich alle persönlich. Sie haben seltsame Namen. Gewissen heißt der eine, ein stämmiger Kerl, dem ich körperlich nicht gewachsen bin. Um ihn zu überwältigen, muss ich stets eine List anwenden.

Ein anderer heißt mit Namen Anstand. Er ist von ausgesprochen schmächtiger Statur und es fällt mir leicht, ihn unterzukriegen.

Ich weiß genau, wie ich sie zu nehmen habe.

Es gibt Augenblicke, da muss ich mein Gefängnis verlassen, ein innerer Drang treibt mich. Es gibt nichts anderes, ich muss ihm dann folgen. Ich kann an solchen Tagen weder essen noch schlafen, ich liege nur auf dem nackten Boden und starre auf die Kerkertür. Panik überfällt mich, ich kann kaum atmen. Und ich lauere, warte auf meine Chance, die irgendwann kommt. Jedes Mal.

Einer der Hüter betritt meine Zelle, er bringt mir Nahrung oder holt ab, was davon übrig geblieben ist; sie kommen täglich zweimal, zu wechselnden Zeiten.

Ich stelle mich schlafend oder tue abwesend, beschäftigt mit meinen Gliedmaßen oder dem Stein um mich herum. Ich stelle mich dabei sehr geschickt an, die viele Übung trägt Früchte. Bei jedem Mal muss ich raffinierter werden, denn auch meine Zuchtmeister lernen dazu, natürlich! Es ist ein ewiger Wettstreit, aber ich habe ihn noch immer gewonnen.

Welche Strategie ich anwenden muss, hängt davon ab, wer von meinen Herren Dienst hat. Bei den großen, stattlichen ist die körperliche Gewalt unnütz. Ich würde meine Kräfte sinnlos vergeuden. Kräfte, die ich benötige, wenn ich es geschafft habe, wenn ich draußen bin.

Bei Aufsehern, die weniger gewichtig sind, Anstand zum Beispiel, da lasse ich mich gern auf einen Kampf ein. Die Aussicht siegreich zu sein, ist gut und es macht Lust auf meinen Freigang, bereitet mich vor auf das Gefühl der ohnmächtigen Macht.

Der Wärter ist überwunden. Ich rolle ihn beiseite, er ist nicht tot - sie sterben nicht.

Vorsichtig schiebe ich mich an der schweren Eisentür vorbei auf den Gang. Ich luge nach beiden Seiten, um sicherzugehen, dass ich niemandem in die Arme laufe, wenn ich meinen Käfig verlasse.

Fackeln erhellen die schmale Flucht notdürftig, sie werfen ihr unruhiges Licht auf Boden und Wände und groß ist ihre Zahl, wie sie ein kaum enden wollendes Spalier meines Entkommens bilden.

Ich laufe und laufe den Gang entlang. Ich bin ausdauernd und ich habe ein Ziel vor Augen, das treibt mich voran. Ich kenne den Weg, ich bin ihn schon oft entlang geeilt, früher häufiger als jetzt.

Ich weiß, wo ich vorsichtig sein muss, wo die Gefahren lauern und die Aufsichten.

Der Gang endet in einer schmalen, grob behauenen Treppe, die steil nach oben führt. Ich haste hinauf, Stufe um Stufe. Schnaufend, doch gleichzeitig darauf achtend, keinen Lärm zu machen. Ich kann mein Herz hören, es schlägt im Takt meiner Schritte, vorwärts, aufwärts! Immer weiter, dem Licht entgegen.

Je dichter ich meinem Ziel komme, desto aufgeregter werde ich. Ich kann ihn riechen, den Geruch nach Freiheit – des Blutes. Doch nicht wegen der körperlichen Anstrengung bleibt mir die Luft weg. Der Atem stockt mir vor Ungeduld, in Erwartung des Rausches schüttelt sich mein Körper wie im Fieber und ich muss mich zusammennehmen, um das letzte Stück Wegs zurückzulegen.

Die rauen Stufen, und dann eine eisenbeschlagene Tür. Es gibt bestimmte Klopfzeichen, die sie benutzen – ich kenne sie alle, mir macht es keine Mühe, sie zu erfahren, ich bin listig.

Als der Büttel auf der anderen Seite auf mein Zeichen hin öffnet, hilft keine List mehr, ich muss ihn überwältigen. Heute hat Sitte hier Dienst, ich habe leichtes Spiel. Die Aussicht auf Freiheit verleiht mir Kraft, und nach einem Schlag kann ich an dem Zusammengesunkenen vorbei eilen, durch die nächste Tür und die letzte, die mich noch trennt von der Helligkeit.

Und dann – die Freiheit, das Ziel, die Erlösung. Da ich weiß, dass meine Häscher kommen werden, mich einzufangen und ich die wenigen Stunden, die mir hier in der Welt bleiben, nutzen will, lege ich alle Scheu ab. Ich beginne sofort mit meinem Werk.

In der Welt der Menschen verbreite ich sogleich Unsicherheit und Panik. Ich streiche durch die Reihen, zeige mein Gesicht und fletsche die Zähne. Und ich genieße die Angst – die Furcht und meine Vorfreude.

Als die Verzweiflung unter den Wesen zurückgehen will, schlage ich zu und fröne meiner größten Leidenschaft – ich töte. Sinnlos und ohne Motiv zerfetze ich Leiber, verstümmele und reiße Fleisch aus den Körpern. Ich foltere und schlitze Bäuche auf, zerre die Innereien heraus, ich trinke das Blut meiner Opfer und besudele mich damit und andere. Ich labe mich am Leid und am Unglück der Kreaturen. Die Blicke, die um Mitleid betteln, gleichzeitig aber wissen, dass sie nichts in der Art von mir zu erwarten haben, das ist mein Lebenselixier, dafür schmachte ich all die Jahre in meinem Kerker.

Macht und ihre schmutzige Demonstration.

Ich wüte wie ein Tier, ich weiß, meine Zeit ist knapp. Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, Opfer. Sie sind auf der Flucht, sie haben gehört von mir, die Nachricht hat sich in Windeseile verbreitet: Er ist wieder da, er ist ausgebrochen!

Doch bevor die Jäger kommen und mich wieder festsetzen, schlachte ich so viele Kreaturen, wie es möglich ist, um sie hernach als Erinnerungen mitzunehmen, in mein Verlies - als blutige Souvenirs, von denen ich bis zum nächsten Ausbruch leben kann.

Und dann kommen sie, die Hüter, die nur nach mir suchen. Sie finden mich, fangen und überwältigen mich. Sie haben leichtes Spiel, denn ich bin erschöpft. Ausgelaugt, aber glücklich.

Willig lasse ich mich in Ketten legen und abführen, umringt von den Aufsehern, die ebenso entkräftet sind wie ich.

Und später dann sitze ich wieder auf dem kalten Boden meines Kerkers, vorerst noch gefesselt an Händen und Füßen, und ich zehre langsam von den Erfahrungen der letzten Stunden.

Ich träume und ich lächle vor mich hin.

Und ich warte auf das nächste Mal.

 

 

 

2006

Die Groß Lübener schrieben zu dieser Story:

In Bezug auf: Lasst mich frei!
Sind wir nicht alle Gefangene der Zeit,des Ortes und des Lebens?
Schlachten wir nicht jeden Tag unsere
eigenen kleinen Kreaturen und kehren dann zurück in unseren Kerker um zu warten, dass wir am Morgen wieder in die Freiheit entlassen werden?

 

Ich glaube, darüber kann man trefflich diskutieren. Ergebnisoffen! :))