Na, dann los!«
In den Beifahrersitz des Corsa gezwängt, das Jackett auf den Knien und den Hemdkragen offen, so schwitzte Samuel vor sich hin. »Versuch mal, ob wir heil ankommen!«
Shairi maulte: »Komm schon.« Vorsichtig parkte sie aus und fädelte den Wagen in den Verkehr ein. »Wir sind schätzungsweise noch zwei Stunden verheiratet. Wir wollen diese Zeit wenigstens ohne Streit hinter uns bringen.«
Er breitete, so gut es ging, die Arme aus und versuchte ein Grinsen. »An mir soll’s nicht liegen.«
Wenn einer Anlass für Ärger hatte, dann doch wohl Shairi.
Sie rollten eine Weile schweigend dahin. Als sie einem Radfahrer die Vorfahrt nahm und beinahe über den Haufen fuhr, stöhnte er auf. Nachdem sie die halbe Grünphase an einer Ampel verschlafen hatte und erst auf das Hupen des Hintermannes stotternd anfuhr, drehte er sich weg und bedeckte die Augen mit der Rechten.
So, wie es die Enge zuließ.
Schließlich entfuhr ihm ein »Mann oh Mann!« weil sie mitten auf der Kreuzung den Motor abwürgte. Sie giftete: »Willst du ans Steuer?«
»Oh«, setzte sie sofort hinzu. »Ich vergaß: Du darfst ja nicht fahren.«
»Aber ich kann es wenigstens«, murmelte er und dachte an den Cayenne, der munter in der Garage vor sich hinrostete.
Samuel konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass seine zukünftige Ex-Frau den gehauchten Satz sehr wohl gehört hatte, und es war zu erkennen, dass sie blutdrucktechnisch und mit dem Adrenalinpegel darauf reagierte.
Als sie damals, vor Ewigkeiten, nach Deutschland gekommen war, als sie einander kennenlernten, da war es ihr Temperament gewesen, das ihn fesselte. Ihr Temperament und die braune, glatte Haut.
Heute  war die Haut welk, doch ihr Gemüt unverändert.
»Wer war die Frau, die gestern Abend zu Besuch kam?« Oh, wenn sie endlich ausgezogen war!.
»Spionierst du mir hinterher?«, fragte sie schnippisch.
Er versuchte, sich zurückzulehnen. »Das kann man praktisch nicht vermeiden, solange wir unter einem Dach wohnen.« Mit einem Blick auf die Uhr: »Sind wir Exklusiv-Mandanten des Scheidungsrichters?«
»Warum?«
Und als er antwortete »Weil du so bummelst«, seufzte sie auf und war kurz davor, die Fassung zu verlieren.
Sie zupfte in ihren Haaren, das tat sie immer, wenn sie zum Angriff überging.
»Fahr da rechts!«, sagte er und im selben Moment sah er eine Fliege an der Windschutzscheibe. Shairi fuhr geradeaus weiter, er wollte scharf kontern, aber da bemerkte er, dass sie irgendetwas vor sich hinmurmelte.
Er beobachtete sie einige Sekunden, doch sie schien ihn kaum wahrzunehmen. Schließlich wandte sie abrupt den Kopf und giftete ihn an: »Ich kann nichts dafür, dass du beim Idiotentest ständig durchfällst, ich kann nichts dafür, dass du bessere Autos gewöhnt bist. Und dass ich mir wenig anderes leisten kann, das ist auch nicht meine Schuld.« Sie war jetzt kurz vor Betriebstemperatur.
Samuel betrachtete fasziniert die Fliege, die träge durch die Luft schwebte. Sie nahm etwas ins Visier und er merkte zu spät, dass das sein Handgelenk war. Als das Insekt sich niederließ, erkannte er, dass es eine besonders fette Mücke war, und als sie zustach, begann Shairi neben ihm wieder zu murmeln.
Er starrte zu seiner Ex, dann auf das Vieh, die sich eben vollsog. Schließlich überwand er die Starre und schlug das Biest tot.
Shairi schrie leise auf. »Was ist?«
»Nichts.«
Er rieb über den Unterarm und wischte das Tier weg. Es hatte ihn tatsächlich gebissen, dabei bot Shairi doch bedeutend mehr Angriffsfläche als er. Bei ihrem Kleid hätte jede Mücke mit verbundenen Augen nackte Haut finden müssen.
»Seitdem du mich an der kurzen Leine hältst«, sagte Shairi. Sie schien sich wieder abgeregt zu haben.
Es hatte eine kleine Beule hinterlassen, dieses Vieh. Er betrachtete die Erhebung und antwortete automatisch: »Das kannst du mir kaum vorwerfen.«
Eine Baustellenampel, den Abschnitt kannte er. Würde ewig dauern. Und sie waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus.
»Ich meine, niemand hat dich gezwungen, was mit dem Hautarzt anzufangen«, sagte er, während er mit den Fingern auf dem Armaturenbrett trommelte. Der Mückenstich schmerzte.
»Ich könnte dir ein Dutzend Frauen nennen, von denen ich weiß«, erwiderte sie. Sie stellte den Motor ab. »Deine Sekretärinnen nicht mitgerechnet.«
Sie hatte Recht, nur leider schwieg sich der Ehevertrag darüber aus, was passierte, wenn er fremdging. Im Gegensatz zu ihren Aktivitäten.
Ja, sie war damals schwer verliebt gewesen.
»Außerdem weißt du genau, dass ich gleich wieder Schluss gemacht habe«, nörgelte sie in die Stille hinein. »War kein guter Arzt.«
»Als ob du den Unterschied kennen würdest.«
»Ich weiß, dass du erheblich mehr Erfahrungen hast.«
Als sie aus Benin einreiste - zentrales Westafrika - hatte sie weniger als null besesse. Ein Glücksfall für sie, ihn zu treffen. Von dieser Warte aus war er rational an ihre Beziehung herangegangen, zumindest rationaler als sie.
Der Gegenverkehr kam in Sicht, angeführt von einem schnittigen Fünfer BMW, den eine eindrucksvolle Blondine lenkte. Er konnte nicht anders, als sich den Hals zu verrenken.
»Soll ich hinterher fahren«, schnappte Sylvia. »Schaffen wir noch.«
»Das ist immer dein größter Fehler gewesen«, stöhnte er, während sein Finger über die kleine Wölbung am Handgelenk strich. »Du bist so grässlich ernst.«
Erst nach einigen Sekunden bemerkte er, dass da gar keine Beule mehr war, wo er kratzte. Und dann entdeckte er die Schwellung knapp zehn Zentimeter entfernt von der ursprünglichen Stelle, direkt unter dem Hemdansatz. Hart und knotig.
Und sie bewegte sich!
Samuel riss den Knopf auf und streifte den Ärmel auf. Fassungslos sah er zu, wie die Quaddel langsam nach oben wanderte. Sehr gemächlich, aber stetig und ohne Pause.
»Gott!«, entfuhr es ihm. Mit offenem Mund sah er zu Shairi, doch die starrte zur Straße.
Hastig zerrte er das Stoff noch ein gutes Stück hoch, das Ding unter seiner Haut kroch weiter.
Er legte den Finger auf die Beule und merkte, wie sie sich zielstrebig bewegte, immer vorwärts den Arm hinauf. Er drückte zu und ließ es sofort bleiben. Das tat höllisch weh.
Shairi drehte sich ihm zu. »Was machst du denn? Was soll das?«
Sie fixierte ihn, er starrte zurück und hielt in der Bewegung inne. Dann streifte er langsam den Hemdsärmel herunter und sah wieder nach vorn. »Nichts. Käfer oder sowas.« Dabei fühlte er deutlich, wie die Delle weiterkroch. Sie hatte jetzt die Schulter erreicht.
»Dreh mir bloß nicht durch«, spuckte sie.Sie startete den Motor und weiter ging‘s.
Fieberhaft überlegte Samuel, was er sich da eingefangen hatte. Er spürte noch immer, wie dieses Ding unter seiner Haut herumspazierte. Als wäre er eine verdammte Allee! Den Arm hinauf und dann?
»Hast du alle Papiere dabei?«
»Was?« Oh, Shairi und ihr Mitteilungsbedürfnis! Was hatte sie davon?
Er brummte und versuchte nachzudenken. Nichts anmerken lassen, fehlte nur, dass sie was mitbekam.
Was war es, das sich da hochbewegte, hatte das was mit der Mücke zu tun, die er erschlagen hatte? Und wenn ja, was?
»Geht’s dir gut?« Er zuckte zusammen. »Du siehst blass aus.«
Im Gegenteil, dachte er. Ich schwitze wie ein Schwein.
Er versuchte, seinen Körper von außen zu betrachten: Das halbe Jahrhundert im Blick, zu viele Zigaretten und zu viel Alkohol. Außerdem das eine oder andere Kotelett.
Ach was, er war fett geworden im Laufe der Jahre, und im Ernstfall konnte er nicht mal vor Rainer Calmund wegrennen.
»Ich hatte gehofft, dass wir uns noch vor dem Termin gütlich einigen können.«
Shairi verströmte plötzlich eine heitere Gelassenheit, die ihm Angst einjagte. Mit Esprit steuerte sie den Kleinwagen in die Kurve und sie verließen die Stadt.
»Das ist nicht der richtige ...« Samuel fiel das Sprechen schwer, er musste die Silben zwischen den Zähnen hindurchpressen. »Was sollas?«
»Ich verstehe kein Wort.« Sie starrte ihn an. Er wollte ihr sagen, dass sie auf die Straße schauen solle, der Gegenverkehr kam bedrohlich nahe. Er kriegte nur peinliches Gestammel heraus.
»Ich will dich nicht kritisieren, Samuel«, flötete sie. »Aber du sprichst sehr undeutlich.«
Er nahm alle Kraft zusammen und stieß hervor: »Falscher Weg!« Du Schlampe!
»Oh, wir haben noch massig viel Zeit bis zum Termin«, meinte sie. »Wir können bummeln.«
Was sollte das nun wieder? Was hatte sie vor? Er wollte die Sitzung hinter sich bringen und damit die ganze verdammte Ehe!
Er spürte, dass sein Atem rasselte, er lag in dem Sitz wie ein Sterbender, einfach lächerlich!
Er richtete sich auf, zumindest soweit es dieser Schuhkarton zuließ, in dem sie beide klemmten. Doch es fiel ihm schwer, aufrecht zu bleiben und nicht zurück zu kippen.
Mit zitternden Fingern befühlte er die Schulter und stellte entsetzt fest, dass die Schwellung ein Gutteil weiter gewandert war. Sie strebte  nach unten - zielstrebig wie eine Ameise - und hatte fast seine Brust erreicht.
Shairi beobachtete ihn. Voller Ekel schaute sie dann auf die Straße.
Die Beule befand sich jetzt knapp über der rechten Brustwarze.
Da war was in ihrem Blick gewesen, das dort nicht hingehörte, etwas, das ihn stutzig machte. War da Triumph zu sehen?
Doch als sie ihn wieder ansah, schien sie völlig normal.
»Dir geht’s schlecht, das sieht man«, sagte sie. »Soll ich lieber zu einem Arzt fahren?«
»Nein«, bellte er. »Zum Richter!« Der Hügel hatte die Richtung gewechselt. »Wir ziehn das durch.«
Plötzlich wurde ihm noch übler, wenn das überhaupt möglich war. Ihm war aufgegangen, welches Ziel die Beule, dieser fiese kleine Knoten hatte.
»Fahr!«, schrie er seine Ex an. »Fahr zu!«
»Wohin denn?« Jetzt wurde auch sie nervös.
Die Quaddel hielt direkt auf sein Herz zu! Und Shairi hatte mit Sicherheit etwas damit zu tun.
»Zum Scheidungsrichter, verflucht!« Er versuchte, mit der bloßen Hand, die Schwellung aufzuhalten. »Das habch dch gsaaagt.«
Sie bog bei der nächsten Gelegenheit ein und wendete den Wagen. Das bedeutete, dass sie die Richtung wechselte, doch sie fuhr keinen Deut schneller.
»Mach schon«, stöhnte er. Mit den Fingern bekam er die Beule einfach nicht zu fassen, es war, als führte sie ein Eigenleben. Diesen Gedanken mochte er kaum zu Ende denken.
Es tobte ein Stellungskrieg mit dem Geschwulst; es wich den Verteidigungen aus, versuchte sie zu umgehen und ihn auszutricksen. Und immer nur eine Richtung: Das Herz.
Samuel sah schwarze Schlieren. Seine Bewegungen wurden hektisch, ihm war es egal, ob Shairi etwas mitbekam. Er hatte Todesangst.
»Wollen wir uns nicht doch gütlich einigen?«, fragte sie plötzlich mit drohend ruhiger Stimme. »Noch ist Zeit. Wir könnten einen neuen Vertrag aufsetzen, einen Nachtrag, sozusagen.«
Sie kicherte.
Daher wehte der Wind, er hätte es wissen müssen.
»Wer war gschtern nabnd bei drr?« Jedes Wort war eine Qual, die Luft schien alle Körperöffnungen zu nehmen, nur nicht die vorgesehene. Während er hilflos versuchte, das Ding abzuwehren, wiederholte er: »Wer warr der Bsuch?«
»Ach, Samuel. Du lenkst ab, du lenkst wieder mal ab.«
»Wer warrrs?« Tränen liefen über sein Gesicht, er wand sich in Krämpfen, und wenn er in der Lage gewesen wäre, er hätte das Flittchen erwürgt. Aber er konnte sich nicht mal bewegen.
Und Shairi fuhr besonnen weiter, den richtigen Weg zwar, doch viel zu langsam,
Er brüllte auf. »Verflucht! Fahr schneller, schneller! Zum Arzt!« Ein Röcheln. »Krnkenhaas.«
Shairi kicherte wieder. »Solange wir rollen, ist alles gut«, sagte sie. »Du willst dich nicht einigen? Bitte, kriege ich halt das Ganze.«
Seine Hand hatte sich auf der linken Brust verkrampft, undeutlich spürte er, wie der Knoten sich träge durch die Finger wand. Er konnte nichts mehr dagegen tun.
»Meine Schwester«, sagte Shairi plötzlich fast ohne die Lippen zu bewegen. »Du hast sie nie kennengelernt, sie ist in der Heimat geblieben. Als ich ihr schrieb, in welcher Not ich war, eilte sie mir zu Hilfe.«
Speichel rann aus Samuels Mundwinkel hinab zum Kinn, die kleine Beule hatte ihr Ziel erreicht. Nebelhaft kam ihm der Gedanke, dass das Königreich Benin noch immer als Zentrum der Vodoo-Kultur galt. Er hatte nie an diesen Unsinn geglaubt.
Er bäumte sich auf, Schaumbläschen platzten auf seinem Mund, eine winzige Aorta riss, Blut ergoss sich ins Gewebe.
Bevor Shairi eine schreckverzerrte Miene aufsetzte, huschte ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht.