21.01.2020

Gesundes Neues 2020!



So, das gleiche Ritual wie letztes Jahr:
Gesundes Neues, mein Lieber! Stößchen auf das neue Jahrzehnt, ich hoffe, das wird genauso gut wie das letzte!

Denken wir nur für den Moment einmal etwas tiefer nach, wissen wir, da ist was falsch. Neues Jahrzehnt, Schwachkopf? Natürlich nicht!
Egal, was man Ihnen in diesen Tagen weißmachen will, das neue Jahrzehnt, die Zwanziger also, die fangen erst am 01.01.2021 an. Klar, die Zeitrechnung, also das erste Jahrzehnt, begann mit dem Jahr 1. Nicht mit dem Jahre 0.
Das neue Jahrtausend begann im Jahre 2001, obwohl alle am 31.12.1999 wie wahnsinnig geworden das neue Millennium begrüßt haben.
Sei es drum.
(Ein Vorsatz, nämlich weniger klugzuscheißen, schon mal gebrochen. Läuft!)

Was forderte ich in meiner Neujahrsansprache 2019? Wie viel davon ist eingetroffen, was haben wir verpasst?
Nichts eingetroffen, könnte man sagen, alles verpasst.

Was also habe ich mir in meiner Naivität auf die To-do-Liste 2019 geschrieben gehabt:
Eine neue Kultur der Diskussion.
Allen Unkenrufen zum Trotz: Ich glaube dran. Und ich glaube auch, dass es machbar ist und dass sich gerade im kommenden Jahrzehnt etwas wandelt. Dass es hier und dort Leute gibt, die gierig sind auf Argumente, auch wenn sie vom Gegner kommen, die Fakten wollen, Tatsachen.
Das heißt nicht, dass es keine Idioten gibt, keine hirnlosen Whats-App-Videos, in denen sich Spinner darüber aufregen, dass wir Altersarmut haben und dann anfangen, über wirklich alles herzuziehen, was sie nicht verstehen oder verstehen wollen.

Dass das mal klar ist: Mich regt Altersarmut auch auf, wahrscheinlich mehr, als viele andere, die darüber schreien. Aber, ich schreie nicht darüber und ich versuche, die wahren Ursachen zu ergründen, ohne Schaum vor dem Mund und ein Brett vor dem Kopf. Das heißt, ich hetze nicht sinnlos gegen Andersdenkende, gegen die da oben und die Scheiß Linken.
Abgehakt!
Ich glaube doch, dass es immer mehr ernsthaft denkende Menschen gibt hier in diesem Land, trotz Meckerplattformen wie »Fridays for Hubraum«.

Ein zweiter frommer Wunsch, den ich vor einem Jahr hegte: Bescheidenheit in Anbetracht unseres immer noch ungeheuren Reichtums.
Na, das war wirklich ein frommer Wunsch, ein dummer. Denn die Ressourcenverschwendung, wie sie seit vielen Jahren immer mehr wird, hat sich auch im vergangenen Jahr nicht verringert.
Die Adventszeit liegt eben hinter uns. Was wir uns dabei – Lichterketten-technisch gesehen – geleistet haben, ist, denke ich, noch einen Zacken schärfer gewesen, als 2018. Ich will nicht wieder mit der alten Leier anfangen, dass eine einzige Kerze erheblich eindrucksvoller ist als eine blinkende Lichterkette, und womöglich auf die schädlichen Nebenwirkungen der Lichtverschmutzung für (unter anderem) die Natur eingehen.
Vielleicht folgender Gedanke: Wir werden über kurz oder lang unsere Energieerzeugung umstellen müssen. Ob auf erneuerbare oder andere CO2-neutrale Formen sei dahingestellt.
Dass wir aber eine ganz andere Form der Energieerzeugung nutzen müssen, nämlich die Energieeinsparung, das hört man von vielen relevanten Experten. Wir werden nicht umhinkommen, die überflüssige Lampe während der Nacht auszuknipsen. Vielleicht die Heizung einen Gang runterschalten oder das Auto mal stehen zu lassen.
Technologische Lösungen dafür wird es nicht geben, auch wenn manche einer diese wie den Heiland erwartet.
Ich erinnere hier nur an den

Was war noch?
»Geiz ist geil«, hatte ich gehofft, würden wir seltener sehen. Gut, das war auch wieder ein sehr frommer, nicht zu erfüllender Wunsch.
Von überall her schreien uns die Plakate an: Billiger! Sale! Zugreifen! Und wir machen alle willig mit.

Doch sehr lange geht das nicht mehr gut, denke ich. Das neue Jahrzehnt (lassen wir uns mal darauf ein) wird ganz sicher ein Jahrzehnt des Verzichts werden. Ich höre schon wieder die Wohlstandswahrer: Verzicht! Diktatur! Öko-Stalinisten!
Super Framing an dieser Stelle. Man müsste zunächst einmal sinnvoll klären, was wir (im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners) unter Wohlstand verstehen. Da gibt es sicher enorme unterschiedliche Auffassungen und einen ebenso großen Gesprächsbedarf. Aber eben das. Man müsste drüber reden.
Doch das tun wir nicht. Stillschweigend nehmen wir Konsumenten an, dass immer mehr Konsum gleichzusetzen ist mit Wohlstand.
Wenn das aber so ist, und gleichzeitig Konsens ist, dass die Konsumgüter irgendwoher kommen müssen (ich meine damit nicht, dass sie produziert werden, sondern die Mittel, welche für die Produktion notwendig sind, müssen ja auch von irgendwoher kommen!), dann kommt man darauf, dass entweder der Wohlstand endlich ist, irgendwann Schluss ist mit noch mehr Wohlstand. Oder wir beginnen, die Konsumgüter irgendjemand anderem wegzunehmen, als denjenigen, die wir jetzt bestehlen.

Ach, es wird schon ein tolles Jahrzehnt werden, das ist klar. Nicht für jeden, sicherlich. Aber hoffentlich für uns.
(mal ein wenig Ironie zum Abschluss!)

Prost!