26.07.2019

Was bleibt?

 

Der Tod ist uns ständiger Begleiter; wir nehmen ihn meist nicht wahr, oft verdrängen wir seine Existenz aufs Subtilste. Aber er ist da.
Unterbewusst setzen wir uns ständig mit der Tatsache unserer eigenen Endlichkeit auseinander. Es gibt Theorien, nach denen wir uns dem Konsumrausch hingeben, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass wir eines Tages unweigerlich abtreten werden.
»Sieh her«, sagen wir zu dem Schnitter. »Ich habe so viele Sachen, die ich noch nicht benutzte. Ich kann gar nicht sterben, jedenfalls noch nicht.«
Der Tod, eigentlich das Pendant unserer Geburt, aber in einem ungleich schlechteren Licht dastehend, fristet ein trostloses Dasein in unserem Leben.

Was passiert mit uns, wenn wir nicht mehr sind?
Wenn wir nicht mehr sind! Das ist etwas anderes als: wenn wir weg sind. Denn wenn wir weg sind, sind wir noch irgendwo, nur eben nicht hier.
Doch wie ist es, wenn wir nicht mehr sind?
Die Frage ist ja, wenn nicht völlig falsch gestellt, so doch wenigstens unvollständig. Denn wir, ein Teil von uns, viele Teile, sind ja noch da, werden immer da sein. Der Körper verfällt unweigerlich, verrottet und zersetzt sich zu einer unansehnlichen Masse, die wir nicht ohne Grund ganz tief in die Erde versenken. Doch die einzelnen Teile – Atome, Elektronen, Protonen, die kleinsten Unteilbaren – bleiben für immer. Wir alle sind Sternenstaub!

Und doch sind wir jeder für sich allein, gefangen in seinem eigenen Kosmos, der eigenen Welt, begrenzt durch die Unüberwindlichkeit der Haut, der Barriere, die, wenn wir sie reißen, uns den Tod verspricht.
Also leben wir unser Leben einsam und dunkel gefangen in unserer leiblichen Hülle, und können uns nur Linderung verschaffen, indem wir uns unzulänglich mit anderen Individuen austauschen. Signale senden, Signale empfangen. Und darauf hoffen, dass wir sie richtig deuten und die unseren wiederum auf die Art verstanden werden, wie wir sie meinen.
Schwierig genug.

Was ist das Ziel des Lebens? Der Tod?
Das wäre grausam, zumal dann alles Übrige müßig und umsonst wäre.
Wir bauen uns das gesamte Leben lang Verbindungen auf, mal weniger stark, in einzelnen Fällen so fest, dass wir den Anderen beinahe besser kennen, als uns selbst.
Bekanntschaften werden abgebrochen, neue aufgenommen, aber stets ist ihnen eigen, ja es scheint ein Grundmerkmal von Beziehungen zu sein, dass sie immer – immer – in Verlust enden. Sei es auf die eine oder andere Weise. Trennung oder Tod, nur darauf läuft es hinaus.
Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man Bindungen eingeht, anderen Menschen Zugang zu sich selbst gewährt.

Doch wie kann man diesen kurzen Text positiv beenden?
Genieße dein Leben?
Das liefe darauf hinaus: Sei ein Arschloch, denke nur an dich selbst!
Es muss etwas Positives sein, das uns überdauert, wegendessen es sich zu leben lohnt.
Kinder wären so etwas vielleicht, Bäume und Häuser, die man pflanzt und baut.

Und Bücher, die man schreibt.

05.02.2019

Interessengeleitete Argumentation

 

Was ist denn bloß in Deutschland los? Was ist in der Welt los?!
Der Mensch ist schlecht, nicht weil er schlecht sein will, sondern – und das in hohem Maße – weil er gut sein will und seine Interessen mit allen – mit allen! – Mitteln durchzusetzen versucht.

Wenn man in diesen Zeiten die Medienlandschaft überblickt, scheint es eine Unmenge Probleme zu geben ei uns. Probleme, die auf dem zweiten Blick gar keine so akuten Probleme sind: Flüchtlinge, Tempolimits, Grenzwerte.
Versucht man, dann etwas über wirklich drängende Probleme zu erfahren (Altersarmut, extrem überdüngte Böden mit der daraus resultierenden Trinkwasserverunreinigung [muss gereinigt werden, treibt die Preise in die Höhe – bei Trinkwasser!], Klimawandel, Luftverschmutzung), wird man wirklich erst auf dem zweiten Blick fündig.

Warum ist unser Interesse eigentlich so fokussiert auf Reizthemen? Warum werden diese Reizthemen dann bearbeitet, als handelte es sich um ideologische Grundsatzdiskussionen: Der Gegner hat niemals recht, in den allermeisten Fällen ist er doof.

Will ich ein Problem lösen, muss ich mir dessen bewusst werden, dann suche ich mir Argumente für und gegen eine jeweilige Lösung. Die Begründungen, die schwerer wiegen, geben den Ausschlag.
Dabei muss ich natürlich darauf achten, dass die Argumente fundiert sind und plausibel. Halbwissenschaftliche, gar esoterische oder gefühlsmäßig begründete Lösungen sollten ausfallen.

Sollten!
Wenn Verkehrsminister Scheuer neue Diskussionen über die Grenzwerte für die Luftverschmutzung fordert (Stichwort NOx und Feinstaub), dann verkennt er zwei Tatsachen: Zum einen wurde diese Diskussion unredlich angeschoben (nicht, dass man falsch versteht, Diskussionen müssen immer sein, gerade in der Wissenschaft; aber das Ganze muss auf Fakten beruhen!), denn diese 112 Lungenärzte, die bei Prof. Dr. Köhler unterschrieben haben (man erinnere sich: der Brief, in dem massiv bezweifelt wurde, dass NOx oder Feinstaub über gesundheitsschädigend oder dieses beweisbar wäre), arbeiten nur mit Behauptungen, teilweise Verdrehungen und Mutmaßungen. Keine einzige Studie wird zur Unterstützung ihrer Thesen angeführt, es wird nur behauptet. Keine zwei Tage später hatten sich denn auch die restlichen 9.888 Ärzte der pneumologischen Gesellschaft gegen diese Thesen positioniert und darauf hingewiesen, dass es sehr wohl zahlreiche Studien gibt, welche die Grenzwerte untermauern.

Zum Anderen unterliegen auch die Grenzwerte über Luftreinheit sowieso einer ständigen Überprüfung durch die EU-Kommission. Der aktuelle Test wurde Ende letzten Jahres begonnen und wird sich bis Ende 2019 hinziehen.
Allerdings, Zitat Spiegel online:
Eine Lockerung der Regelung ist hier keinesfalls vorgesehen. »Unsere letztes Jahr gestartete Überprüfung klärt, ob die Werte streng genug sind, um die Ziele unserer Politik zu erreichen«, erklärte EU-Umweltkommissar Karmenu Vella auf Twitter. »Die Grenzwerte, wenn verändert, würden nur strenger.«(Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-kommission-prueft-richtlinien-fuer-grenzwerte-von-luftschadstoffen-a-1251069.html)
Heißt: Ob Andy Scheuer neue Überprüfungen gefordert hat oder nicht, sie finden statt. Und zwar nicht wegen seiner Forderungen, sondern trotzdem.

Doch was reitet den Verkehrsminister, Mitglied der Bundesregierung!, auf unwissenschaftliche Argumente einzugehen? Was veranlasst ihn, den Vorschlag eines allgemeinen Tempolimits auf deutschen Autobahnen, der von einer von ihm eingesetzten Kommission stammt, mit den Worten abzutun: »Das ist gegen jeden Menschenverstand!«?
Ob das nun stimmt (natürlich nicht) oder nicht, ist egal. Er unterstützt damit eine Klientel, die Auto fahren möchte, ohne schlechtes Gewissen. Und diese Gruppe ist mächtig, hat Wählerstimmen und weiß sich zu artikulieren. Indem sie Argumente wiederholt, die vom Verkehrsminister sind. Aus der Bundesregierung! Kann ja nicht falsch sein.

Was veranlasst Gesundheitsminister Jens Spahn zu sagen: »Es gibt gute Chancen, dass wir in zehn bis zwanzig Jahren den Krebs besiegt haben.«?
Wenn dann etliche ausgewiesene Experten dagegen hielten und den Optimismus massiv bremsten, musste er noch eins nachlegen und sagte: „Wir wollen den Krebs besiegen, indem wir ihn beherrschen. Das wird nicht leicht. Aber gerade deshalb müssen wir es mutig und ambitioniert versuchen“ und „Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass die Lebenserwartung mit einer gut behandelten HIV-Infektion so hoch sein kann wie ohne Infektion?“ (Quelle: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article188245991/Jens-Spahn-Mit-dem-Krebs-Aids-Vergleich-hat-er-sich-endgueltig-diskreditiert.html und https://www.welt.de/politik/deutschland/article188202169/Jens-Spahn-verteidigt-Aussage-Krebs-besiegen-indem-wir-ihn-beherrschen.html)
Das nenne ich, Hoffnungen machen, aber falsche, eine Art Homöopathie für die Seele.

Es ist beängstigend, wie auch in die deutsche Politik und Gesellschaft das Agieren mit Fake News, unwissenschaftlichen Behauptungen und interessengeleiteter Argumentation Einzug gehalten hat.
Und noch beängstigender ist es zu sehen, dass sich kaum Widerstand regt.

05.01.2019

Gesundes Neues!

Gesundes Neues, allerseits.
Ich weiß, man mag es nicht mehr hören, es klingt noch von allen Ecken, ernst gemeint, ja, aber ich kenne doch niemanden, der anderen ein schlechtes neues Jahr wünschen würde. Na ja.

Was wünsche ich mir für das Jahr 2019, nachdem 2018 alles in allem ja wohl eher abgekackt hat. Sich nicht unbedingt von seiner besten Seite gezeigt oder einfach nur versagt hat.

Ein ziemlich großer, ein recht naiver Wunsch, wie ich glaube:
Die Argumente des Andere mögen zählen.

Ich denke, wir müssen alle eine neue Kultur der Diskussion lernen, eine Art und Weise des Miteinanderstreitens, die wir offensichtlich, wenn nicht verloren, dann doch verschüttet und ganz tief vergraben haben.
Wir müssen streiten, natürlich! Viel mehr, als wir das jetzt tun. Aber wir müssen es miteinander tun und immer mit der Prämisse, dass der Andere Recht haben könnte, dass ich gewillt sein muss, bessere Argumente zu akzeptieren. Auch wenn sie von der Gegenpartei kommen. Das setzt aber voraus, dass man sich die Einwände von Gegenüber auch anhört, sie aufnimmt und als vollwertig ansieht.
Es gibt natürlich dämliche Einwände – und das nicht zu knapp –, aber die sollten sich leicht entkräften lassen. Und will der Diskutant sich selbst nicht darauf einlassen – Shit happens!
Vielleicht täte es vielen von uns gut, hin und wieder aus der Rolle des Wissenden in die des Fragenden zu schlüpfen. Zunehmend hat man in dieser Gesellschaft den Eindruck, dass derjenige, der am lautesten schreit, Recht hat.

Zweiter Wunsch: Vielleicht täte uns eine neue Bescheidenheit gut, eine Art, nicht so furchtbar prollhaft geltungssüchtig den eigenen Reichtum zur Schau zu stellen. Denn wahrer Reichtum ist in Wirklichkeit derjenige, den der Nachbar nicht zu sehen bekommt. Das große Auto, das protzige Haus mit dem riesigen Swimmingpool. Es ist eine Gabe, Reichtum als solchen anzuerkennen, und diese Gabe geht uns in gehörigem Maße ab. Vielleicht ist es auch so, dass der Mensch in der Masse mit Reichtum überhaupt nicht umgehen kann, dass er nicht verantwortungsbewusst und zuverlässig die Güter zu verwalten imstande ist.
Denn dass wir reich sind – alle, ohne Ausnahme – das steht ja mal fest; wenn ich meinen Blick ein wenig erhebe und in andere Regionen lenke, wo wirklich Armut herrscht, dann fühle ich mich als König.
Gut, vielleicht ist der Großteil der hier lebenden Bevölkerung nicht reich, kann sein. Arm ist sie im Gegenzug aber sicher nicht!

Dann und wann mal der Aktion »Geiz ist geil« widerstehen! Das wäre mal 'ne Performance, wirklich! Ich träume davon, dass diese ... Supermärkte endlich einmal auf ihre »billigen« Sachen sitzenbleiben.
Vielleicht dringt die Erkenntnis ja dieses Jahr, 2019, zu einigen durch: Es gibt keine billigen Dinge! Irgendjemand bezahlt den Preis, meist ist es derjenige, der sich am wenigsten wehren kann: der Angestellte, die Umwelt, die Allgemeinheit, der einfache Arbeiter in Bangladesch. Zugegeben, eine verkürzte Argumentationskette, doch runtergebrochen auf das Wesentlichste ist das die einzige Wahrheit: Irgendeiner bezahlt immer.

Ressourcen schonen, mit ihnen sinnvoll umgehen – das steht noch auf dem Zettel. Aber das steht schon Jahr um Jahr drauf und verblasst nicht, wird im Gegenteil immer dringlicher.
Doch das ist wohl eine Binsenweisheit, die man nicht wiederholen muss. Oder nicht oft genug wiederholen kann.

In diesem Sinne dann: Prost!