23.03.2021

Ein Aufruf und wie ich reagiere

 

Folgender Aufruf wurde am Samstag in der Prignitz gestartet:

 

 

Es geht um Masken, Freiheit, Einschränkungen.

Ich habe eine Nachricht daraufhin verfasst, sie lautet wie folgt:

 

Sehr geehrter Herr Podiebrad!
Mir ist bewusst, dass Sie in diesen Tagen jede Menge Nachrichten bekommen werden. Sie werden Zuspruch erhalten, mutmachende Zuschriften, aber auch Ablehnung, vielleicht sogar Beschimpfungen (ach, ganz sicher werden Sie Hassmails empfangen, leider bin ich mir ziemlich sicher darüber).
Womöglich finden Sie dennoch die eine oder andere Minute, diese Nachricht zu lesen. Eventuell werden Sie sie sogar ernst nehmen und meine Argumente als solche akzeptieren.

Ich habe von Ihrer Aktion aus der Tagespresse erfahren, ich habe mich erkundigt und bin auf die von Ihnen erstellte Seite »Frühling in der Prignitz« gegangen; mittlerweile sind ja schon eine große Menge Unterschriften eingegangen, die genau das unterstützen, was Sie fordern.
Doch was fordern Sie?

Ich bin der Meinung, dass Sie oberflächlich einen wichtigen Beitrag leisten für die Akzeptanz und das Funktionieren unserer Demokratie.
Demokratie lebt vom Streiten, von der Skepsis, vom Widerspruch. Wenn es keinen Widerspruch gäbe, wo wären wir da? In der Diktatur, natürlich.
Dass es Widerspruch (ohne Repressalien, aber nicht ohne Widerrede!) gibt, wäre zumindest ein Anzeichen dafür, dass wir in einer lebendigen Demokratie lebten.
Sie geben Widerspruch, zeigen Skepsis gegenüber den Maßnahmen, welche die Politik eingeleitet hat. Gut so! Denn niemand ist vollkommen, wir alle machen Fehler und Fehler werden vermieden durch Diskussionen.

Was ich aber auf Ihrer Seite vermisse, ist die Diskussion. Es gibt keine Möglichkeit, öffentlich meine Meinung zu sagen, meinen Widerspruch zu Ihrer Meinung kundzutun und zu zeigen, dass ich nicht in allen Punkten mit Ihnen übereinstimme.
Ich kann auch nicht mitteilen, dass ich Ihre Positionen vollständig ablehne. Ich kann nur vollständig zustimmen, indem ich unterschreibe.
Das finde ich wirklich unbefriedigend.

Kann ich Ihnen meine Meinung zu diesem Aufruf sagen, haben Sie schon genug von Gegenargumenten, von anderen Auffassungen und Ansichten? Oder gelangen (siehe oben) nur undifferenzierte, polterige Nachrichten in ihren Briefkasten?

Ich hoffe nicht, denn ich bin der Meinung (wieder siehe oben), dass wir uns austauschen müssen, in der Prignitz, in Deutschland, global.
Wir müssen lernen, respektvoll miteinander umzugehen, dem anderen zuzuhören (was nicht allein heißt, ihn ausreden zu lassen!) und wir müssen die Argumente der Gegenseite (egal, wie konträr sie zur eigenen Meinung stehen) anhören, gewichten und, wenn nötig, mit Gegenargumenten entkräften.
Dabei ist es unbedingt notwendig, dem Gegenüber den Respekt zu zollen, den wir auch von ihm fordern.
Ich hoffe also auf ein vielleicht offenes Ohr von Ihnen.

Der erste Satz Ihrer Resolution lautet: Wir glauben nicht an eine Verschwörung.
Einerseits ist es schade, dass man in diesem Land darauf hinweisen muss, dass man nicht an eine Verschwörung glaubt, weil man Angst hat, in eine Ecke gestellt zu werden, in die man nicht zu gehören meint.
Auf der anderen Seite schlagen Sie natürlich einen Pflock ein mit diesem Satz. Er steht prominent an erster Stelle, quasi wie ein Fähnchen ganz obenauf, das weithin zu sehen ist.
Verschwörung. Sie positionieren sich damit selbst in eine Ecke, in die Sie nicht wollen. Denn wenn ich jemanden sagen höre: »Ich bin kein Verschwörungstheoretiker!«, dann ist der Ton für den Rest des Gespräches vorgegeben; wie ein Elefant im Raum schweben die ganze Zeit dieser Vorwurf und sein Dementi mit. Sie setzen mich, als Mitdiskutierender damit schon unter Druck.

Über Ihrem Aufruf steht folgende Aussage: Wir wollen wieder so frei leben wie 2019!
Der Satz ist, meiner Meinung nach, in seiner Naivität kaum zu überbieten.
Einerseits setzt er voraus, dass wir im Jahre 2019 frei lebten. Um dies beantworten zu können, müssten wir zunächst klären, was wir unter Freiheit verstehen, und da es mindestens so viele Erklärungsansätze für den Begriff Freiheit gibt, wie Erklärende, fällt uns schon dieses recht schwer.

Aber ich weiß ja, worauf Sie hinaus wollen, was Sie damit meinen.
Die Frage ist doch: Wird es überhaupt wieder so werden, wie es war? Oder soll es so werden, wie wir es gern möchten? Wie Sie es gern möchten?
Und wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, wenn alles wieder so wäre wie früher, Sie gehen mit keinem Wort auf die Bedingungen ein, die herrschen müssten, dass wir nach 2019 zurückkehren.
Denn wir sollten uns doch einig sein, dass es Gründe gibt für die Situation, in der wir uns befinden.
Im Übrigen hatte ich immer meine Probleme mit Leuten, die wünschen, es würde wieder so werden wie früher.

Mein größter Kritikpunkt also an diesem Aufruf ist, dass Sie keine Alternativen nennen, nicht eine. Sie vermitteln den Eindruck, dass man mit einem Handstreich die Beschränkungen, die ja nicht ohne Grund herrschen, rückgängig machen und damit quasi die Uhr zurückdrehen kann. Dass die Freiheiten zurückgegeben werden und, ohne Nebenwirkung sozusagen, kehrt das Leben zurück, wie wir es bis vor kurzem kannten.
Sie sagen an keiner Stelle, dass es Notwendigkeiten gibt, gute Gründe für diese Restriktionen. Es scheint so, als schweben diese Einschränkungen im luftleeren Raum, als seien sie nirgends zugehörig.

Und da kommen wir dann doch wieder zu der obengenannten Verschwörung:
So wie ich den Text lese, implizieren Sie zwischen den Zeilen eine wie auch immer geartete Konspiration, die darauf abzielt, unsere Freiheit zu beschneiden, um deren selbst Willen.

Sehr geehrter Herr Podiebrad!
Ich bin überzeugt, dass ich in manchen Dingen (vielleicht sogar in vielen) falsch liege, dass ich mich irre oder von unrichtigen Voraussetzungen ausgehe.
Ich wäre gespannt darauf, Ihre Sicht zu erfahren, wo irre ich, wo habe ich eventuell sogar recht?
Was könnten Sie mir sagen, damit ich besser verstehen, was mit diesem Text gemeint ist?

Wir müssen diskutieren!

Mit freundlichen Grüßen
Jens Behn

19.02.2021

Wie sich Empörung nutzen lässt

 In einem Spiegel-Interview vom 12. Februar 2021 wird der Fraktionschef der Grünen im Bundestag zu der Aussage getrieben: Der Bau von Eigenheim muss in Zukunft auf die eine oder andere Weise beschränkt werden.

Damit hat man wieder mal genügend Wind dreingegeben, um ein kräftiges Rauschen im Blätterwald zu erzeugen (und nicht nur da).
Obwohl nur ein laues Lüftchen dafür vorhanden, geht doch ein Sturm der Entrüstung durchs Land:
Die Grünen wollen uns das Eigenheim verbieten, Verbotspartei, Öko-Diktatur, Veggie-Day, fünf Mark für den Liter Benzin!
Kaum etwas davon trifft zu, allerdings sind das natürlich griffige Parolen, hinter denen sich wenigstens diejenigen verstecken können, die einer sinn- und gehaltvollen Diskussion aus dem Wege gehen (eine Diskussion in punkto Eigenheim, Zersiedelung und Flächenfraß wäre allemal lange überfällig!).

Zwei Mechanismen greifen bei dieser medialen Schlacht. Zwei Mechanismen, denen wir in den nächsten Monaten verstärkt begegnen werden (im September ist Bundestagswahl, mehrere Landtagswahlen und auf dem Weg dorthin noch drei Landtags- und zwei Kommunalwahlen):

Das Empörungsrecht!
Jeder Deutsche hat das Recht, sich zu empören! Und wenn er das tut, dann ist es gestattet, das Hirn weitestgehend auszuschalten, Fakten vollständig zu ignorieren und nur noch auf sein sogenanntes »Bauchgefühl« zu hören. Bauchgefühl kann man auch wahlweise ersetzen durch Intuition, »gesunder Menschenverstand« oder »Das ham wir doch immer gewusst«.
Ein Mechanismus wird daraus, wenn diese Empörungsspirale (übrigens ist immer der andere Schuld, man empört sich nie, niemals! über sich selbst) künstlich angefacht wird. Es gibt etliche Beispiele dafür, vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an den WDR-Kinderchor, der von der Oma sang, die im Hühnerstall ... und so weiter. Das Empörungspotential war enorm, am Ende wusste kaum noch einer, worum es wirklich ging außer, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Zwangsgebühren dafür verwendete, die alte Generation zu verunglimpfen.
Die Stoßrichtung war klar, Argumente suchte man vergebens, als die Diskussion dann schließlich abgeebbt war, blieb bei vielen das dumpfe Gefühl, der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehöre endlich abgeschafft!

Und natürlich kann man sich wunderbar über die Reaktionen damals aufregen (der Autor dieses Textes versucht gerade, nicht in dasselbe Muster zu verfallen), das gehört dann zum Spiel dazu, ist eingepreist und wird auch gelegentlich provoziert. Fein, darüber kann man sich dann auch wieder aufregen.

Sinn des Ganzen ist es, ein Thema auf bestimmte Weise zu framen und mit den jeweiligen Empörungsspiralen am Kochen zu halten.

Unmittelbar mit diesem Phänomen zusammen hängt die Technik des »ich trau dir alles zu!«
Dabei geht es darum, den Kontrahenten der maximalsten Einstellung zu bezichtigen, das krasseste Ziel zu unterstellen:
»Die Grünen wollen uns das Eigenheim verbieten!«
Obwohl niemals die Rede davon war, Betriebe zu »enteignen«, warf man dem damaligen Juso-Vorsitzenden genau das vor: Er wolle BMW verstaatlichen und damit den Sozialismus in Deutschland einführen (siehe diverse Blätter von 2019 [Welt, Bild, etc.]). Doch genau davon war nie die Rede, aber der Vorwurf war im Raum und niemand scherte sich darum, ob er stimmte.

Diese Strategie lässt sich auch bestens im Privaten anwenden, meist geschieht das sogar unbewusst, aus einer gewissen Empörungshaltung heraus.
Die Linken wollen alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen, die Rechten wollen die herrschende Ordnung zerstören, die Radfahrer wollen das Auto verbieten (aktuell sehr schön an der Debatte um das Volksbegehren »Berlin autofrei« zu beobachten), die Liste ist beliebig verlängerbar.

Beide Phänomene hängen unmittelbar miteinander zusammen, beide können und werden von bestimmten Stellen zu bestimmten Zwecken und zu bestimmten Anlässen immer wieder stimuliert: um die öffentliche Debatte auf einen Weg zu bringen, der genehm ist.

Und es gibt nur eine Lösung dafür, jedenfalls für den, der eine Lösung sucht:
Zuhören und den anderen ernst nehmen in seinem Menschsein. Sich informieren, was wirklich geschah, was gesagt wurde; wie etwas gemein war, welche Argumente auf der anderen Seite sind.
Wenn man das tut, wenn man sich selbst etwas zurücknimmt, dem anderen Fragen stellt, ihm zuhört und auch mal annimmt, das er Recht haben könnte, entspannt sich die Situation etwas.

Aber ich fürchte, zu wenige sind an Abrüstung interessiert, wollen lieber auf den Zug der Erregung aufspringen.
Oder eben jenen Zug am Rollen halten.

11.01.2021

Update zum 06.01.

Untenstehender Text (vom 06.01.) wurde geschrieben, bevor es in Washington zu den unseligen Aktionen kam, die vielleicht (hoffentlich, aber wahrscheinlich nicht) einen Schlusspunkt bilden zum Wirken des Donald John Trump.
Selbsternannte Aktivisten versuchten das Capitol, Sitz des Kongresses, der Legislative der Vereinigten Staaten von Amerika, einzunehmen und, wenn man Insidern glauben will, Kongressabgeordnete als Geiseln zu nehmen und schlussendlich sogar zu töten.

Ich wusste in dem Moment, in dem ich die Gedanken postete, also nichts von den späteren Aktivitäten. Und doch hätte man es wissen können, zu viele Hinweise gab es.
Sehr viele Menschen äußerten und äußern sich zu den Geschehnissen, ein jeder versucht, sie zu deuten, eine große Menge beginnen, die Fälle zu instrumentalisieren. Von »Sturm auf das Capitol«, »Angriff auf die Demokratie« ist vielfach die Rede. Und das alles mag auch stimmen.
Doch kaum einer – man muss suchen in dem Stimmengewirr – beschäftigt sich in aufrechter Weise mit den Tätern.

Ich bin immer der Überzeugung gewesen, ob es sich um Terroristen handelt - 11. September 2001, Halle 2019, Hanau 2020 – oder um Kriminelle, wie die Straftäter von Köln, Sylvester 2015 oder die Randalierer von Stuttgart letzten Jahres, man muss sich ernsthaft mit den Tätern beschäftigen (ja, sicher, man darf die Opfer nie vergessen). Man muss das Geschehene nicht verstehen oder gar gutheißen, doch die Mechanismen, die zu den Taten führten, die Umstände und Verhältnisse sollte man erkennen und nachvollziehen können. Es bringt überhaupt nichts, zu sagen: Das sind alles Idioten, die sind nicht richtig im Kopf. Damit grenzt man sich nur allzu wohlfeil ab und stellt sich auf die Seite der Guten.

Wenn man aber davon ausgeht, dass solche Taten Menschen begangen haben, Menschen wie du und ich – im weitesten Sinne – dann muss man auch zugeben, unter bestimmten Umständen, in ganz gewissen Situationen könnte es sein, dass auch ich ähnlich reagiere, dass eine Vielzahl von Personen ähnlich reagieren könnte. Und um auszuschließen, dass das passieren könnte, beschäftige ich mich sehr oft und ausführlich mit den Tätern.

Ein lesenswerter Artikel, auch wenn er nicht bis in die allerletzte Tiefe führt, stammt von Elmar Theveßen, Korrespondent des ZDF in Washington:

06.01.2021

Happy Sinnsuche!

(Gesundes Neues!)

Da sind wir also angekommen im Jahre 2021, und alles scheint verrückt geworden. Wir taumeln durch die C-Krise und niemand, wirklich niemand vermag zu sagen, a) wann und b) wie wir da rauskommen. Wir starren gebannt auf Zahlen, richten tatsächlich unser Verhalten danach aus (außer natürlich die neuen Helden unserer Zeit, die das Denken erfunden haben) und hoffen wie Kinder im Dunkeln, dass wir irgendwann den Ausgang finden.
Nicht dass das anders machbar wäre, dieses »Fahren auf Sicht« ist wohl die einzige Möglichkeit, Opfer zu minimieren.

Doch für immer mehr Menschen wird es immer klarer: Die Zeiten ändern sich, wir stehen in der Tat mitten in einer Zeitenwende.
Menschen, die in einer Zeitenwende standen, wussten das nicht – schau sich einer die Erfindung des Buchdrucks an, die Reformation, die Aufklärung, die Industrialisierung – erst hinterher wird solch eine Ära definiert.
Was werden die Nachgeborenen über unsere Zeit sagen? Welche Begriffe werden sie benutzen, um unser Verhalten zu definieren.

Ich persönlich denke ja, dass zwei Begriffe ganz vorherrschend sein werden: Tribalismus und Framing.
Tribalismus als Stammesdenken hängt uns evolutionär immer noch auf den Schultern, jeder versucht Anhänger einer Gruppe zu sein (schau ins Netz, die sozialen Medien, und du weißt, dass der Trend hin zur Zweit-, Dritt- oder Viertgruppe geht). Und wenn du in einer Gruppe verankert bist (nenn‘ es Stamm, Partei, Bewegung, Bündnis, what ever ...), dann wirst bestrebt sein, dich dieser Gruppe anzupassen, ihr nachzueifern und natürlich findest du gut, was diese macht. Du wirst dich ihr bis zu einem bestimmten Punkt ausliefern (natürlich wirkt der Tribalismus bei jedem verschieden, und auch bei jeder Gruppe, manch einer ist anfälliger, der andere weniger; und auch die Gruppen [es stehen ja unzählige bereit] sind mehr oder weniger attraktiv).

Wenn wir nach Amerika schauen, wird uns der schädliche Einfluss des Tribalismus bewusst: Es wird nicht mehr nach Fakten und Wahrheiten gelebt, sondern nur noch, was die Gruppe vorgibt. Damit ist nicht nur die Gruppe »Trump« gemeint, obwohl natürlich die Anhänger des Noch-Präsidenten der USA ein besonders krasses Beispiel bieten. Der Ober-Pavian der Gruppe sagt, die Wahl zur Präsidentschaft sei gefälscht und die Anhänger gehen auf die Straße und bringen abstruseste »Beweise« für die Behauptung.
Es geht nur noch um – Achtung! Trommelwirbel!!! – »gefühlte Wahrheiten«, Bauchgefühl, »das haben wir immer schon gemacht!«. Argumente des »Gegners« (das heißt, Anhänger der anderen Gruppe) werden überhaupt nicht mehr ernst genommen, es existiert nicht einmal mehr die Möglichkeit, dass der andere recht haben könnte.
Vielleicht hat dieses bedingungslose Anhängen an verschiedene Gruppen damit zu tun, dass vieles weggefallen ist in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten, im Besonderen religiöse Gruppen und Sinnstifter. Vielleicht suchen wir uns neue Gruppen; nachdem es den Ost-West-Konflikt nicht mehr gibt, fühlen wir uns dem »Westen« zugehörig und müssen uns gegen die »Islamisierung« wehren.
Die Anderen, die Fremden.

Hand aufs Herz, welcher Gruppe gehören Sie an, außer vielleicht dem Angelverein, der Kleingartensparte oder dem örtlichen Buchclub?
Doch Gruppenzugehörigkeit ist normal, wie gesagt, evolutionär vorgegeben. Die viel wichtigere Frage lautet: Wann haben Sie sich das letzte Mal von jemandem vom Gegenteil überzeugen lassen? Wann haben Sie die Argumente Ihres Nachbarn ernst genommen, auch wenn der was völlig Konträres zu Ihrer Meinung behauptet?
Einige kleine Gedanken darüber habe ich mir 2010 schon hier gemacht:

Framing (von engl. frame, »der Rahmen«) ist der Prozess einer Einbettung von Ereignissen und Themen in Deutungsraster. (Quelle: www.wikipedia.org)
Deutungsrahmen, das ist das Zauberwort. Wir bringen alle Informationen, die auf uns einstürmen in einen bestimmten Rahmen, (Das sind nicht wenige Informationen, in früheren Zeiten hatten die Menschen einen erheblich geringeren Input.), alle Bits und Bytes, die wir aufnehmen, sind in irgendeiner Weise mit Leben gefüllt.
Wenn wir einen Dokumentarfilm sehen, in dem das elende Dasein einer abgezehrten, erschöpften Legehenne dargestellt wird und denken im Anschluss an ein Hühnerei, sehen wir das mit anderen Augen, als wenn man uns Bilder einer fröhlich gackernden Bauernhofidylle zeigt.

Wer einen Politiker in einem schlechten Licht darstellt, framt ihn, wer ihn in gutem Licht darstellt, framt ihn ebenfalls.
Eigentlich framen wir den ganzen Tag und lassen framen, wir sind drauf angewiesen und verwenden geframte Inhalte.

Doch man kann diese Methode nutzen, um eigene Ziele zu erreichen und gleichzeitig diese Ziele zu verschleiern. Natürlich wird diese Strategie schon immer benutzt, seitdem Menschen kommunizieren, sich über Dinge austauschen, framen sie.
»Das Mammut ist gefährlich.«, »Diese Beeren schmecken wunderbar!«, »Bill Gates will uns alle vernichten!«
Die Frage ist, wie offen wird diese Taktik angewandt und wie weit hinterfragen wir als Rezipienten dieses Framing.

Ganz sicher haben die »Sozialen Medien« in Sachen Framing eine Katalysator-Funktion. Jeder und alle können framen und tun das reichweitenstark. Wer will, kann sich über alles und jeden informieren, doch tun wir das in ausreichendem Maße?

Frage: Wann haben Sie das letzte Mal ein Framing übernommen, ohne es hinterfragt zu haben? Wie weit beruhen Ihre Urteile auf Vorurteilen.

Wenn wir diese Fragen und die oben offen beantworten, aus den Antworten unsere Schlüsse ziehen und danach handeln, kann es sein, dass unsere Nachfahren etwas milder über unsere Zeit sprechen werden.
In diesem Sinne: Gesundes Neues an alle!

09.07.2020

Die Autoritäten sind müde

Die C-Krise hat uns nun seit einigen Monaten im Griff, Auswirkungen auf die Wirtschaft sind enorm, auf das soziale Leben ebenso.
Wie werden wir herauskommen, wie wird sich die Welt zeigen nach der Pandemie. Dass die Seuche noch lange nicht bezwungen ist, zeigt sich aktuell in Amerika, Brasilien und nicht zuletzt in Israel.

Umso wichtiger wäre es, durchzuhalten mit den Maßnahmen, welche die Krankheit, oder besser ihre Ausbreitung einzudämmen hilft.
Abstand wahren, Hände waschen, Mundschutz, keine Menschenansammlungen. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich simpel in der Umsetzung.
Natürlich ist vieles gut gelaufen in der Krise, siehe Deutschland. Wenn ich das richtig sehe, hat Deutschland enorm vom rechtzeitigen Eingreifen profitiert. Doch allmählich (Quatsch, natürlich ziemlich rasant!) macht sich die Corona-Müdigkeit breit, Widerspruch regt sich überall. Die Aussagen der Experten werden massiv in Zweifel gezogen.

Woher kommt das allgemeine Misstrauen gegenüber Autoritäten?
Mit Autoritäten meine ich Fachleute, ausgewiesene Fachleute, die auf einem Feld mehr Wissen haben, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Neuerdings (oder vielleicht auch nicht neuerdings) wird von allen alles angezweifelt, was die Wissenschaft hervorbringt.

Damit meine ich weniger die »Flat-Earth«-Vertreter oder Flugscheibenanhänger, Chemtrails-Gläubigen und Neuschwabenland-Spinner.
Es ist noch nicht allzulange her, da gab es eine Reihe Lungenärzte, die Grenzwerte in Zweifel zogen.
Nun sind Grenzwerte eine politische Entscheidung, Wissenschaftler arbeiten da nur zu mit ihren Erkenntnissen. Aber Lungenärzte sind keine Wissenschaftler; als es um das Thema Grenzwerte ging, waren sie genauso viel oder wenig Experte in dem Bereich wie der Toilettenmann in den Spandauer Arkaden oder Dieter Bohlen. Warum aber wurden sie in dieser Situation von einer großen Mengen Menschen als »Autoritäten« auf diesem Gebiet wahrgenommen?
Warum wird ein leidlich prominenter Koch der veganen Küche als Experte auf dem Gebiet der Immunologie anerkannt. Von nicht wenigen Menschen. Es muss doch ein Kriterium geben, nach dem man geht, und das einen dann zu dieser Nase führt.

Ich fürchte, wir haben es hier wieder einmal mit interessegeleiteter Argumentation zu tun. Ich nehme mir den Experten, der mir das Ergebnis bringt, das ich gern möchte.
Ich fahre Diesel, die Deppen von der Umwelthilfe wollen Fahrverbote für mein Autoaufgrund der Abgaswerte durchsetzen? Aber da gibt es doch die Lungenärzte, die sagen, dass die Grenzwerte Mumpitz seien. Die nehm ich, die sind kompetent.

Maskentragen ist mühsam. Ach, da gibt's doch diese »Experten«, die sagen, dass Mundschutz nichts bringt; die nehm ich.
Ich sage damit nicht, dass Mundschutz etwas bringt in der Bekämpfung der Pandemie, die Faktenlage ist unübersichtlich. Ich sage aber auch nicht, dass Masken nichts bringen, und wenn es sein könnte, dass man die Verbreitung eindämmt, indem man Masken trägt, dann werde ich Maske tragen, weil ich immerhin etwas tun kann für meine Mitmenschen.

Ganz sicher spielt der Rückgang der Religion in unserer Gesellschaft eine Rolle; die Lücke, welche die Kirche lässt, möchte ausgefüllt werden. Neue Autoritäten werden gesucht.

Aber warum, verdammt nochmal, kann man sich nicht die Leute als Autorität aussuchen, die was von ihrem Fach verstehen und ihre eigenen Interessen hintanstellen?

21.01.2020

Gesundes Neues 2020!



So, das gleiche Ritual wie letztes Jahr:
Gesundes Neues, mein Lieber! Stößchen auf das neue Jahrzehnt, ich hoffe, das wird genauso gut wie das letzte!

Denken wir nur für den Moment einmal etwas tiefer nach, wissen wir, da ist was falsch. Neues Jahrzehnt, Schwachkopf? Natürlich nicht!
Egal, was man Ihnen in diesen Tagen weißmachen will, das neue Jahrzehnt, die Zwanziger also, die fangen erst am 01.01.2021 an. Klar, die Zeitrechnung, also das erste Jahrzehnt, begann mit dem Jahr 1. Nicht mit dem Jahre 0.
Das neue Jahrtausend begann im Jahre 2001, obwohl alle am 31.12.1999 wie wahnsinnig geworden das neue Millennium begrüßt haben.
Sei es drum.
(Ein Vorsatz, nämlich weniger klugzuscheißen, schon mal gebrochen. Läuft!)

Was forderte ich in meiner Neujahrsansprache 2019? Wie viel davon ist eingetroffen, was haben wir verpasst?
Nichts eingetroffen, könnte man sagen, alles verpasst.

Was also habe ich mir in meiner Naivität auf die To-do-Liste 2019 geschrieben gehabt:
Eine neue Kultur der Diskussion.
Allen Unkenrufen zum Trotz: Ich glaube dran. Und ich glaube auch, dass es machbar ist und dass sich gerade im kommenden Jahrzehnt etwas wandelt. Dass es hier und dort Leute gibt, die gierig sind auf Argumente, auch wenn sie vom Gegner kommen, die Fakten wollen, Tatsachen.
Das heißt nicht, dass es keine Idioten gibt, keine hirnlosen Whats-App-Videos, in denen sich Spinner darüber aufregen, dass wir Altersarmut haben und dann anfangen, über wirklich alles herzuziehen, was sie nicht verstehen oder verstehen wollen.

Dass das mal klar ist: Mich regt Altersarmut auch auf, wahrscheinlich mehr, als viele andere, die darüber schreien. Aber, ich schreie nicht darüber und ich versuche, die wahren Ursachen zu ergründen, ohne Schaum vor dem Mund und ein Brett vor dem Kopf. Das heißt, ich hetze nicht sinnlos gegen Andersdenkende, gegen die da oben und die Scheiß Linken.
Abgehakt!
Ich glaube doch, dass es immer mehr ernsthaft denkende Menschen gibt hier in diesem Land, trotz Meckerplattformen wie »Fridays for Hubraum«.

Ein zweiter frommer Wunsch, den ich vor einem Jahr hegte: Bescheidenheit in Anbetracht unseres immer noch ungeheuren Reichtums.
Na, das war wirklich ein frommer Wunsch, ein dummer. Denn die Ressourcenverschwendung, wie sie seit vielen Jahren immer mehr wird, hat sich auch im vergangenen Jahr nicht verringert.
Die Adventszeit liegt eben hinter uns. Was wir uns dabei – Lichterketten-technisch gesehen – geleistet haben, ist, denke ich, noch einen Zacken schärfer gewesen, als 2018. Ich will nicht wieder mit der alten Leier anfangen, dass eine einzige Kerze erheblich eindrucksvoller ist als eine blinkende Lichterkette, und womöglich auf die schädlichen Nebenwirkungen der Lichtverschmutzung für (unter anderem) die Natur eingehen.
Vielleicht folgender Gedanke: Wir werden über kurz oder lang unsere Energieerzeugung umstellen müssen. Ob auf erneuerbare oder andere CO2-neutrale Formen sei dahingestellt.
Dass wir aber eine ganz andere Form der Energieerzeugung nutzen müssen, nämlich die Energieeinsparung, das hört man von vielen relevanten Experten. Wir werden nicht umhinkommen, die überflüssige Lampe während der Nacht auszuknipsen. Vielleicht die Heizung einen Gang runterschalten oder das Auto mal stehen zu lassen.
Technologische Lösungen dafür wird es nicht geben, auch wenn manche einer diese wie den Heiland erwartet.
Ich erinnere hier nur an den

Was war noch?
»Geiz ist geil«, hatte ich gehofft, würden wir seltener sehen. Gut, das war auch wieder ein sehr frommer, nicht zu erfüllender Wunsch.
Von überall her schreien uns die Plakate an: Billiger! Sale! Zugreifen! Und wir machen alle willig mit.

Doch sehr lange geht das nicht mehr gut, denke ich. Das neue Jahrzehnt (lassen wir uns mal darauf ein) wird ganz sicher ein Jahrzehnt des Verzichts werden. Ich höre schon wieder die Wohlstandswahrer: Verzicht! Diktatur! Öko-Stalinisten!
Super Framing an dieser Stelle. Man müsste zunächst einmal sinnvoll klären, was wir (im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners) unter Wohlstand verstehen. Da gibt es sicher enorme unterschiedliche Auffassungen und einen ebenso großen Gesprächsbedarf. Aber eben das. Man müsste drüber reden.
Doch das tun wir nicht. Stillschweigend nehmen wir Konsumenten an, dass immer mehr Konsum gleichzusetzen ist mit Wohlstand.
Wenn das aber so ist, und gleichzeitig Konsens ist, dass die Konsumgüter irgendwoher kommen müssen (ich meine damit nicht, dass sie produziert werden, sondern die Mittel, welche für die Produktion notwendig sind, müssen ja auch von irgendwoher kommen!), dann kommt man darauf, dass entweder der Wohlstand endlich ist, irgendwann Schluss ist mit noch mehr Wohlstand. Oder wir beginnen, die Konsumgüter irgendjemand anderem wegzunehmen, als denjenigen, die wir jetzt bestehlen.

Ach, es wird schon ein tolles Jahrzehnt werden, das ist klar. Nicht für jeden, sicherlich. Aber hoffentlich für uns.
(mal ein wenig Ironie zum Abschluss!)

Prost!